Einer der Höhepunkte des Jahres, die Dresdner Schmalfilmtage sind nun wieder vergangen.
Sie waren natürlich auch dieses Mal wieder toll und somit erhaltet ihr hiermit, wie schon gewohnt, einen partiellen Bericht von den Programmpunkten, die ich besucht habe.
Wie auch der neue 16-mm-Open-Source-Projektor zeigen wird, gibt es neue technische Entwicklungen rund um die kommerziell eigentlich abgeschafften Schmalfilme.
Dazu gehört die neue Super-Acht-Kassette. In der Vorführung (ext. Link) wurde ein Prototyp gezeigt, den man auch in die Hand nehmen konnte, und mit verschiedenen Entwurfszuständen aufgenommene Beispielaufnahmen mehr oder weniger Lichträndern abgespielt.
Es ging um die Justierung bzgl. zu reduzierender Lichtränder, das Material der Andruckplatte und den mechanischen Nachteil des Vorhangs, der vor dem Film hängt.
Ein Vorteil der metallischen Kassete ist weniger Müll als bei den üblichen Einmalkassetten, deren Problem auch abbrechende Noppen und schwierige Handhabung bei kompletter Dunkelheit sind.
Man lernt auch manches nebenbei, z. B., dass Kodak-Kameras sehr dankbar bzw. Toleranzen sind, aber auch nicht so bildstabil aufnehmen.
Der Entwickler, der auch dabei ist, ein Patent anzumelden hat, will mit potentiellen produzierenden Firmen erst reden, wenn alle Parameter stimmen.
Es ist schon absehbar, dass die Kassette vglw. teuer sein wird. Es ist geplant, Nachfüll-Filme mit einem Subscription-Modell zuzuschicken.
Hier lief u. a. aus den 60ern ein Portrait von Tally Brown, Sängerin und Schauspielerin; interessanter Szeneeinblick. Nebenbei seien auch die üppigen elektronischen Lichteffekte an den Gebäudefassaden und Kirmesständen erwähnt.
Von diesem Programmpunkt (ext. Link) habe ich nur die zweite Hälfte mitbekommen, aber die hatte es in sich.
In der Einführung regte der Gast an, den Künstler nicht nur als Avantgarde zu lesen, sondern auch als (Selbst-)Dekonstruktion der Avantgarde zu verstehen.
Zu den Filmen der zweiten Hälfte im Einzelnen:
Film 1: Auf dem Zählgerät vier laufende Filmbahnen, dazu ein verlesener Text, wie der Übergang von einer zur nächsten Filmbahn signalisiert wird und so weiter.
Film 2: Ein Text wird verlesen, nebenher läuft eine mechanische Countdown-Uhr; häufig Ton, Bild oder beides ausgeblendet, eine Lampe wird ins Bild gehalten und begleitend zu derem Doppel-Aufleuchten ertönt ein (Sägezahn/Rechteck-?) Tonsignal
Film 3: Projection Instructions. Der Vorführer musste Bild verschieben, Fokus verändern, Equalizer verstellen, Laustärke lauter/leister machen. Ganz nonchalant führt das dazu, dass der Film unweigerlich als tatsächliche Schmalfilmkopie gezeigt wird und nicht, wie es bei Festivals und auch den Schmalfilmtagen mit vielen Filmen gehandhabt wird, digital gezeigt wird, denn die digitalen Geräte haben nicht alle der genannten Einstellungen sofort am Apparat einstellbar. Ein solch experimenteller Ansatz stabilisiert auf diese Weise das Medium Schmalfilm.
Ausgewählte Aspekte aus der Fragerunde:
Man konnte also lernen, was Filme transparent macht: keine Klarsichtfolie, sondern Uhren! Ob Zufall oder nicht: Dazu passt auch das vor ein paar Jahren im Rathauspark in Dresden-Löbtau eingeweihte Kunstwerk „Quality Time“ der Kuratorin Franziska und Sophia Hoffmann.
Kurioserweise ist es keine einfache Aufgabe, über diese Programmpunkte zu schreiben, weil sie im Programm in zwei (2) Abschnitte aufgeteilt wurden, innen jedoch insgesamt dreiteilig (3) sind, aber zusammen einen (1) raffinierten fließenden Übergang von Anfang bis Ende bilden.
Das führt dazu, dass die Querverweise etwas verworren wirken, aber natürlich überhaupt nicht albern... Vielleicht gibt es ja irgendjemanden, die beim Lesen den Durchblick nicht verliert.
Hierbei handelt es sich um den offiziellen Programmpunkt „NFA*I“ (ext. Link), wobei der erste kurze Film des zweiten Programmpunkts „NFA*II“ (ext. Link) auch noch zur Idylle mitgezählt werden könnte, wenngleich er nicht so gezielt idealisierend aufgenommen ist.
Nur zum Schluss des Programmpunktes habe ich reingeschaut und damit die Gärten aus den 20ern und 30ern verpasst. Der Titel „Illusionen gärtnerischer Idylle“ lässt eine Dekonstruktion der Idylle erwarten, was in meinen Augen vor allem die Allgegenwart der Zäune manifestiert, welche ständig im Bild waren, jedoch filmisch ignoriert wurden.
Trotzdem ist es einerseits zeitgeschichtlich relevant und andererseits auch weiter aktuell, zeigten die Filme doch den Eigenanbau von Obst und Gemüse, was nicht nur damals einen individuellen Freiraum bedeutete, sondern auch heute weiterhin als nachhaltig im Sinne der UNO sowie wachstumskritischer Gruppen gilt, siehe Wikipedia. In West-Berlin war der Kleingartenbau eine relevante Gemüsequelle.
Es ist jedoch anstrengend, das noch nebenher zu machen; ich jedenfalls mache schon manches andere selbst und kaufe dafür fast sämtliche Lebensmittel zu den aktuellen Preisen ein. Von eigenen „Gehversuchen“ weiß ich jedenfalls, dass sich die in den Filmen gezeigte üppige Ernte nicht von selbst einstellt, außer man hat Dauerkulturen wie z. B. einen gut angewachsenen Mirabellenbaum.
Nun sind wir beim ersten Teil des zweiten Programmpunkts „NFA*II“ (ext. Link), also insgesamt bei Teil 2 angekommen.
Eigentlich technisch nicht ganz den Schmalfilmen zuzurechnen, fügen sich die Videoprojekte hervorragend ins Programm ein.
Der erste Film, die versteckt gefilmte Szene mit ebenfalls vielen Zäunen, welche wie gesagt auch zu Teil 1 gezählt werden könnte, kommt noch recht normal daher.
Mit dem zweiten und dritten Film steigert sich der Interventionscharakter: die Idylle wird mit dem Pferdekot unter dem makellosen Garten-Tiermodell zielsicher wirklich dekonstruiert, damit schließt der Inhalt des zweiten Programmpunktes an den Titel des ersten Programmpunktes an.
Mit dem vierten Film wird der zweiten Teil beschlossen. Die Steigerung geht weiter und wir sehen: noch mehr Zäune überall.
Ja, der Film ABY SI LIDI VŠIMLI ist „rau, schnell und unverkennbar real“, wie im Programm angekündigt.
Wir befinden uns im zweiten Teil des zweiten Programmpunktes, also für uns Teil 3.
Die vorangestellte Kontextualisierung durch den Gast erklärte, warum sich die gefilmten Punks vorsichtig kapitalismusfreundlich gaben und dass der Film in einer staatlichen Firma gedreht und deswegen die zeitgenössische Mainstream-Perspektive darstellt.
Als häufiges Thema ist eine Flucht von zuhause, die Schwierigkeit, gute Bezugspersonen zu finden und der Wunsch nach einer geregelten Arbeitsstelle gezeigt. Die einsamen, aber zentral gelegenen urbanen Orte und die öffentlichen Parks schlagen die Brücke zu Teil 2.
Durch den Lebensstil und das Äußere soll der Schmerz sichtbar gemacht werden; weiter nennt der Interviewpartner als verbindende Hauptmerkmale [Ich hoffe, ich erinnere mich korrekt]: „Freiheit, Frieden, Anarchie. Der Rest ist individuell.“
Abgesehen von kleineren zeitgeschichtlichen Besonderheiten ist der Film bis heute aktuell.
ext. Link zum Programm.
Wie schon in den Vorjahren merkte die Jury zutreffenderweise an, dass die Filmauswahl sehr vielfältig war.
Bei der an die Vorführung anschließenden Podiumsdiskussion anwesend waren die Künstler von WORLD ON A STRING, von ROSE OF FAME, von MAKRIA, von ERIKA WAR KEINE SCHREIBMASCHINE, von THERE WILL BE ANOTHER und von HERE OR HERE. Es wurde über deren Motivation und anderes gesprochen.
Der Hauptpreis ging an M DE MERCURIO von Florencia Aliberti; eine lobende Erwähnung gab es für (FOR ONCE I DREAMED OF YOU) von Kate Solar.
Ein ganz bisschen gewundert hat mich, dass die Jury so schnell und eindeutig ihre Preise vergeben hat; fand ich doch die Auswahl insgesamt sehr schön.
(Kurios ist auch die Erfahrung, wenn man selbst die prämierten Filme akustisch nicht versteht und dann direkt nach der Preisverleihung in Erfahrung zu bringen versucht, welcher Titel gewonnen hat. Eigentlich hätte ich es nicht gebraucht, denn hätte ich geahnt, mit wie viel Nachlauf ich diesen Artikel schreibe, hätte ich die Gewinnertitel auch von der mittlerweile aktualisierten Website ablesen können...)
Der Publikumspreis ging an ERIKA WAR KEINE SCHREIBMASCHINE von Britta Sommermeyer. Die restlichen Filme hatten im Voting ungefähr gleichverteilte Zustimmungswerte.
Im Vergleich zum letzten Jahr wirkte der Wettbewerb wie auch das gesamte Festival stimmungsmäßig munterer, also weniger mit schweren Themen wie Tod, Krieg und Traurigkeit belegt, wobei es falsch wäre, zu sagen, dass diese Themen in den Beiträgen nicht vorkamen. Sie sind nur distanzierter dargestellt worden bzw. entspannender/lustiger aufgelöst/abgewechselt worden. Der Blick auf aktuelle gesellschaftliche Feinheiten war problemlos möglich.
ext. Link zum Programm.
Es wurden kurze Filme der offenen Labore von Köln, Hamburg und gezeigt, welche unterschiedliche Scopes hatten. Eine Einreichung war ein Experimentalfilm, ein anderer ein Imagefilm und einer eine Kurzdokumentation.
Außerdem gab es einen etwas längeren Film über die im Jahr 2012 noch bestehenden Analogfilmlabore in Indien, welche im Zuge einer relativ plötzlichen umfassenden Digitalisierung zumeist geschlossen wurden.
Dieser Film erzählt eine ganze Menge Interessantes über die Zeit der Schließung und den besseren Zeiten davor, z. B. über die Arbeitsbedingungen und die Zahlungsmoral sowie viele andere Anekdoten aus der Filmbranche. Es werden immer wieder ästhetisch hervorragende originale Bollywood-Tricksequenzen und Trailer eingeschoben.
Schmalfilmtechnik ist nicht nur alt, sondern wird sogar neu entwickelt. Zwar nicht mehr durch die Hersteller, jedoch durch offene Labore angestoßen. Nach ersten Vorführungen im Jahr 2025 an verschiedenen Orten kam der Projektor namens „SPECTRAL 800 Chronophantoscope“ in diesem Jahr auch zu den Dresdner Schmalfilmtagen.
Eine große Seite mit der Entstehungsgeschichte und den technischen
Entwurfsparametern kann man
auf filmlabs.org
einsehen, daraus ein Bild des
Prototypen:
Bild von filmlabs.org, Lizenz: CC Attribution-Noncommercial-Share Alike 4.0 International
Es wurde ein vollständiges System mit Möglichkeit der Einspielung von digitalem Sound vorgeführt.
Im Gegensatz zur Neuentwicklung der Super-8-Kassette wurde dieser Projektor bereits mit einem Produkdesigner zusammen entworfen. Außerdem ist der Projektor nicht patentiert, sondern entnimmt sogar Teilkomponenten aus der Technik eines ähnlichen Open-Source-Projekts.
Der Weg zur Fertigung in einer kommerziellen Firma oder Manufaktur scheint mir vergleichsweise wahrscheinlich zu sein.
Die technischen Zeichungen, Code etc. habe ich noch nicht im Internet gefunden.
Außerdem wurde ein ein Pseudo-3D-Film vorgeführt, zu dem das Publikum einen kleinen Graufilter ausgehändigt bekommen hat.
Der Film selbst bestand aus in viele horizontale Streifen geschnittenen Filmszenen, wobei die Streifen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten nach rechts verschoben wurden.
Der 3D-Trick entsteht dadurch, dass das Auge mit dem Graufilter etwas langsamer ist. Welches Auge mit einem Graufilter belegt werden sollte, weiß ich jedoch leider nicht mehr. Bei mir hat die Filterung vor dem linken Auge etwas besser als funktioniert, zumindest schien mir die Szene dort sehr plastisch zu sein.
Motivation freier Labore, d. h. die Bearbeitung des Materials in Eigenregie:
Mittlerweile gibt es sogar ein Beispiel, dass ein freies Labor ein kommerzielles kaufen will.
Bei sämtlichen ins Mikrofon gesprochenen Beiträgen wurden KI-Übersetzungen übertitelt, welche bereits angefangene Sätze anzeigten und die Anzeige je nach Weitergeführung des Originalsatzes ergänzten. Sprach man englisch, wurde deutsch angezeigt und andersrum.
Meist waren die Texte erstaunlich richtig, aber nicht immer. Mit manchen Sachen ist die Übersetzung nicht zurechtgekommen, z. B. einem gesungenen Fiderallala.
Um der Sache zu folgen, musste ich aktiv von der Leinwand wegschauen, weil ich sonst vom sich stückweise aufbauenden Satz abgelenkt war. Hatte ich akustisch etwas nicht verstanden oder aufgrund abgeschweifender Gedanken überhört, habe ich hingegen hochgeschaut, um die Leerstelle zu ergänzen.
Die Filme wurden indes nicht von den KI-Übersetzungen begleitet, sondern hatten im Zweifel eine Untertitelung in der im Programm angegebenen Sprache.
Zu den technischen Hintergründen (Internetnutzung, Technikfolgen, Programm, Anbieter) habe ich leider nicht mehr mit der verantwortlichen Person sprechen können, sonst würde hier mehr dazu stehen.
Ich selbst tendiere, angeregt durch eine beiläufige Äußerung von Manuel Francescon, oder war es Michael Sommermeyer?, vor ein, zwei Jahren dazu, die Schmalfilmszene in einen experimentellen Bereich, in dem die Technik ausgereizt wird und ein Handlungsstrang höchstens abstrakt hergeleitet werden kann, und einen „ernsthaften“ Bereich, in dem Geschichten mittels in richtiger Reihenfolge angeordnete Szenen von bildgegenständlichen Originalen erzählen werden, zu unterteilen und betrachte jeden Beitrag unter diesem Aspekt.
Aber mitnichten!
Auch die diesjährigen Schmalfilmtage beweisen wieder, dass die beiden Kategorien erfolgreich überspannt werden können und dass ein Experimentieren überall reinpasst, auch in „ernsthafte“ Produktionen.
Ein Beispiel ist MAKRIA von Dagie Brundert im Internationalen Wettbewerb, in dem sich in einer Urlaubsreportage plötzlich animierte Figuren aus dem Bild herauslösen. Verblüffend, wohl einfach zu produzieren und ermöglicht mehr Dimensionen des Erzählens, verglichen mit einem soz. „Kamerafilm“ oder einem Animationsfilm alleine.
Ein weiteres Beispiel ist der Film ANALOGUE NATIVES von Bernd Lützeler in dem Labore-Programmpunkt, der unzusammenhängende Themen mischt, dem Publikum dreist die Sprecherinnenstimme entzieht und trotzdem oder vielleicht genau dadurch insgesamt eine sehr runde Produktion ist.
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